#CoronaZeiten #12

Zwölf Wochen #CoronaZeiten und noch einiges vor uns.

  1. It’s the Economy, stupid. Aber eher in dem Sinne, dass Keynes (endlich) wieder Beachtung findet. Wenn plötzlich statt der „schwäbischen Hausfrau“ das „schwäbische KMU“ als Versinnbildlichung der richtigen Strategie durch die „Wirtschaftsweisen“ propagiert wird, die GroKo mit Wumms ein Konjunkturpaket schnürt, das nicht einfach nur die bedient, die am Althergebrachten hängen und lieber Autos wie immer bauen statt die Gestaltung der mobilen Zukunft anzugehen und die Schuldenbremse und „schwarze Null“ die erforderlichen Programme verhindern würden, die es braucht, um Wohlstand auch in der Zukunft zu erhalten, dann hat sich viel getan. Und ich bin sehr froh, dass ich nach einer neoliberalen Verengung des wirtschaftspolitischen Diskurses wieder eine Offenheit für Lösungen da ist, die auch wirklich helfen statt nur zu behaupten, das sie es täten.
  2. Allerorten die „dringende Empfehlung“, Abstand zu halten und zum Beispiel im ÖPNV Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Und die Lockerungen führen dazu, dass wieder weniger ihren Beitrag zum Schutz der anderen leisten und glauben, Aerosole ließen sich durch Willenskraft, Wegbier oder die eigenen Tattoos davon abhalten, das Virus weiter zu tragen und wieder mehr Menschen anzustecken. Und am Ende sterben Menschen. 15 von ihnen hat die ZEIT porträtiert. Und sie und alle anderen Toten haben eine Lücke hinterlassen, die zu früh gerissen wurde.
  3. Es gibt wieder mehr Präsenztermine und Möglichkeiten zum direkten Gespräch. Und ja, selbst mit Abstandsregeln ist es nach Wochen der Telko-Kommunikation eine gute Erfahrung, wieder miteinander in einem Raum zu reden und Lösungen für Probleme zu suchen. Gleichzeitig gibt es die Erfahrung, dass man gut auf überflüssige Sitzungen und Machtdemonstrationen Einzelner verzichten kann und wir am Ende zu einem sinnvollen Mix kommen müssen. Und wieder verantwortungsvoller mit der eigenen Zeit und der anderer umgehen. Und dabei und damit jeden und jeder auch eine neue Balance von Erwerbs- und Sorgearbeit zu ermöglichen. Das setzt neben 5G an jeder Milchkanne auch mehr Fähigkeiten von Selbstorganisation und Abgrenzung des Privaten vom Beruflichen für alle voraus. Und genug Möglichkeiten des Austauschs und der gemeinsamen Interessensvertretung, denn der Grundwiderspruch von Kapital und Arbeit ist weder im Homeoffice noch mlt der Digitalisierung aufgehoben – im Gegenteil.
  4. Eigentlich wäre ich letzten Sonntag in München bei einem tollen Konzert von Eric Clapton und am Donnerstag in Hannover bei einem ebenso tollen Konzert von Paul McCartney gewesen. Ich habe die Möglichkeit der Stornierung der Karten für die Salzburger Festspiele genutzt und diverse Theater- und Konzertkarten entweder mit einiger Arbeit umorganisiert oder auch die Erstattung überwachen müssen. Dabei ist immer die Vorverkaufsgebühr verloren gewesen, es gab zusätzliche Kosten für die Rückerstattung. Das Geld kommt auch hier nicht bei den Künstler*innen oder Veranstaltungsorten an. Aber Eventim verdient weiter seinen Teil. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es in Zukunft weitergeht.
  5. Es tut gut, Menschen um sich zu haben, die in Notsituationen einfach mal helfen, wenn unverhoffte Probleme auftreten.
  6. Endlich hat eine Doku im ORF die mich immer mal wieder beschäftigende Frage nach Liebe und Sex in Corona-Zeiten beantwortet. Scheidungsanwält*innen und Hebammen und alles, was noch so dazu gehört, werden in den kommenden Monaten viel zu tun haben.
  7. Blumen bleiben wichtig für das eigene Wohlbefinden. Genauso wie Balkonien.

#CoronaZeiten #11

Elf Wochen #CoronaZeiten und noch einiges vor uns

  1. Die ersten fünf Monate des Jahres kommen einer im Rückblick surreal vor. Vom Shutdown zu Lockerungen, von Solidarität mit vulnerablen Gruppen zu Egoismus, von Verständnis für eine veränderte Welt zu Meckereien, weil nicht nach den ersten Lockerungen gleich alles so funktioniert wie vorher.
  2. Corona zeigt sehr deutlich, wie fragil eine gesellschaftliche Entwicklung ist, die von Gleichberechtigung und Respekt getragen ist. Nachdem während des Shutdown noch Pflegekräfte beklatscht, Verkäuferinnen freundlich behandelt und Eltern mit Kindern angesichts fehlender Kinderbetreuung und Schule auf Verständnis hoffen konnten, führt die Diskussion um Lockerungen zu politischen Diskussionen über die Aussetzung der Mindestlohnerhöhung und über erforderliche Anwesenheiten am Ort des Arbeitgebers zu einem Backlash, der statt des Ergebnisses der Arbeit den Ort der Erbringung der Arbeit in dem Vordergrund stellt.
  3. Wer meint, der Markt regele alles, sollte spätestens im letzten Vierteljahr gelernt haben, dass Staat mehr ist: Wer Steuern und Sozialversicherung bezahlt, kann in schlechten Zeiten wie diesen auch auf Unterstützung zurückgreifen. Da gibt es genug Krankenhausbetten oder Staatshilfen, um durch den Shutdown zu kommen. Und dann gibt es das Präventionsparadoxon, dass die auf einem funktionierenden Gemeinwesen beruhenden Leistungen kleingeredet und man kritisiert, warum man für seine spezifische Problemlage nicht noch mehr Hilfe bekommen habe.
  4. Männer scheinen in Zeiten von Homeoffice, Telefon- und Videokonferenzen und einer anderen Sitzungskultur die Möglichkeit, sich in Sitzungen besonders produzieren zu können, besonders zu vermissen und deshalb besonders laut nach Präsenzsitzungen zu rufen. Dabei ist es Ihnen egal, wenn sie vulnerable Gruppen oder Menschen mit erhöhter Sorgearbeitsverpflichtung von der Teilhabe ausschließen.
  5. Arbeitsschutz ist plötzlich stärker im Fokus denn je – aber besonders der, sich auf technische oder bauliche Lösungen fokussiert. Die psychische Belastungen sind oft genauso wenig im Blick wie die Sorgearbeit im Zeitverwendungsbudget – und die geschlechtsspezifischen Unterschiede dabei.
  6. Es gab und gibt eine neue Spaltung: zwischen denen, die egal wo sie tun, so viel arbeiten, dass sie weder genug Zeit für Pausen noch für Sorgearbeit haben und denen, denen so langweilig ist, dass sie die Zeit des Homeoffice als zusätzliche Urlaubszeit mit Langweilefaktor betrachten. Und wenn sie jetzt wieder häufiger am Arbeitsplatz aufeinandertreffen, gibt es neue Diskussionen und Frustationen.
  7. Blumen und Freund*innen sind noch wichtiger als vorher. Und ein Abend, an dem man zusammen sitzt, zusammen isst und ratscht, ist umso schöner, wenn man es draußen tun kann und weder vor Areosolen noch vor sonstigen Ansteckungswegen Angst haben muss.

Präsentismus in #CoronaZeiten. Über Lockerungen, Rücksichtslosigkeiten und Kommunikation

Zehn Wochen Homeoffice für die Schreibtischarbeitenden und statt Präsenzsitzungen Telefon- und Videokonferenzen. Flächendeckende Erfahrungen mit mobilem Arbeiten, teilweise deutlich erschwert durch fehlende technische Infrastruktur der Unternehmen und Verwaltungen.

Die Bedeutung von Worten wie Bandbreite oder VPN-Tunnel haben sich plötzlich sehr viel mehr Menschen erschlossen, das Bullshit-Bingo der Telefonkonferenzen können viele spielen. Die Vor- und Nachteile von betrieblichen IT-Strategien mit der Grundsatzentscheidung Bring-your-own-device zuzulassen oder streng aus Gründen der IT-Sicherheit die dienstliche Nutzung privater Endgeräte auszuschließen sind plötzlich keine abstrakten Diskussionen mehr, sondern in ihren Auswirkungen auf die eigene Arbeitsfähigkeit sehr gravierend. Die Frage, wie man deshalb an Kommunikation mit Partnern ausserhalb der eigenen Strukturen teilhaben kann, gewinnt plötzlich eine völlig neue Bedeutung.

Die Systemrelevanz des häuslichen WLAN und die Wichtigkeit der Ergonomie der verwandten mobilen Endgeräte haben viele im Selbstversuch in einer anderen Tiefe erfahren. Die Erweiterung der Führungsaufgaben und -kompetenzen um Kommunikation auf Distanz und in einem System von Telefon- oder Videokonferenzen erfolgt aus dem Leben und im Learning-by-Doing und verunsichert die, an ein regelhaftes System von Schulungen gewöhnt sind, bevor eine neue Version oder ein Tool in der Organisation implementiert wird.

Fragen des Arbeitsschutzes haben in Corona-Zeiten eine neue Bedeutung bekommen. Abstands- und Hygieneregeln umzusetzen ist das eine – die Fragen der physischen Belastungen und ihr Ausgleich sind dagegen kaum im Blick. Was bedeutet es an Belastungen, ganze Arbeitstage in Telefon- und Videokonferenzen zu verbringen, parallel den Mailverkehr abzuarbeiten und sich auf ganz andere Formen der Kommunikation einzustellen?

Aufgrund der regelhaften Beschränkungen und unterschiedlichen Strukturen und Kulturen bildet sich gerade eine neue Dichotomie der Diskussion heraus – zwischen Präsentisten und Digitalen.

Wer der Meinung ist, „richtige“ Arbeitsergebnisse kann man nur erzielen, wenn alle Mitarbeitenden körperlich im Büro wie an einer Werkbank in der Fabrikhalle präsent sind, sieht die Lockerungen und den Übergang zu einem „neuen Normalbetrieb“ freudig als Rückkehr zu einer guten alten Zeit, wie sie vor Corona war. Der erwartet ohne Rücksicht auf Beschäftigte, die zehn Wochen Homeoffice und Homeschooling wuppen mussten, und in vielen Organisationen gebildete neue Arbeits- und Kommunikationsstrukturen Präsenz in Büros, die nicht nur Einzelzimmer sind, keine Wegeregelungen auf den Begegnungsräumen im Flur haben, ignoriert neue Erfordernisse an Sitzungs- und Austauschformate, und erwartet, dass die Vereinbarkeit von Beruf, Wegezeiten und Sorgearbeit in Zukunft so privat ist, dass der Ablauf im Büro davon nicht gestört ist. Der will sich keine Gedanken darüber machen, wie vulnerable Gruppen in eine neue Arbeitskultur integriert werden können. Der besteht auf Präsenzsitzungen und behandelt die, die „dazu geschaltet“ sind wie Warmduscher, die weil körperlich nicht im Raum anwesend, auch nicht respektvoll behandelt werden müssen und kaut fröhlich endlich wieder sein Sitzungsbrötchen und redet am Mikro vorbei. Der unterstellt denen, die im Homeoffice arbeiten, dass sie dort eben nichts gearbeitet hätten und begrüßt sie am nächsten Bürotag mit der Frage, wie denn der Urlaub gestern Zuhause war.

Dabei ist klar, dass eine neue, digitale Arbeitskultur noch viele Herausforderungen zu bewältigen hat. Die Anforderungen an Führungskräfte steigen, denn man muss anders motivieren und kommunizieren, man muss mit Störungen anders umgehen und die Arbeitsergebnisse anders einfordern und bewerten. Die digitale Spaltung, die Unterschiedlichkeit der Mitarbeitenden im Umgang mit IT und Selbstorganisation sind neue Herausforderungen. Kommunikationsprozesse in und ausserhalb der eigenen Strukturen unterliegen anderen Anforderungen, formelle und vor allem die so wichtige informelle Kommunikation müssen anders organisiert werden.

Wir müssen eine neue Balance finden zwischen Formen der Präsenzarbeit und der digitalen Arbeit und Kommunikation. Es könnte eine Chance sein. Es ist aber auch ein Risiko, dass ein Präsenzethos mit Anforderungen an zeitliche und örtliche Verfügbarkeit neue und zusätzliche Exklusionsmechanismen etabliert wird, an deren Ende All-Male-Boards noch normaler werden.

Es geht um Zeit, es geht um die Akzeptanz der Vielfalt von Lebenssituationen, es geht um Zugang und Verfügbarkeit von Unterstützungsstrukturen und es geht um Macht. Und es geht darum, wie die Arbeitswelt und die Gesellschaft in den kommenden Jahren aussehen. Es gibt viel zu tun.

#CoronaZeiten #10


Zehn Wochen #CoronaZeiten und noch einiges vor uns

  1. Die NYT hat auf der Titelseite 1.000 Namen, eng bedruckt, veröffentlicht. 1%der Corona-Toten in den USA. In Deutschland hat es bisher deutlich weniger Tote gegeben. Corona trifft überproportional die „vielen“, auch wenn es einige der „wenigen“ trifft, die dann auch medial so präsent sind, dass man meint, es träfe auch und vor allem die Boris Johnsons. Tatsächlich trifft es besonders die, die auf engem Raum leben müssen, auch mit Krankheitssymptomen arbeiten müssen, weil sie dringend das Geld brauchen. Armut macht krank und verkürzt Leben.
  2. Corona ist ein so deutlicher Rückschritt für die gelebte Gleichberechtigung von Frauen, das man förmlich zusehen kann, wie erreichte Fortschritte zerbröseln. Nach zehn Wochen Home-Schooling und Home-Office können nur noch Menschen ohne praktische Lebenserfahrung die (Nicht)Vereinbarkeit am selben Ort und zur selben Zeit leugnen. Aber anstatt über Konzepte für Kinderbetreuung und Schule zu reden, fokussiert sich Politik lieber auf Bundesliga-Spiele und sonstige Lockerungen, die immer mehr die Verschiebung von der Gesundheit für alle auf die Wirtschaft, die funktionieren müsse.
  3. Die Mund-Nasen-Bedeckung ist für einen in meiner Beobachtung ansteigenden Anteil von Menschen etwas, das eher Mund- oder sogar Kinn-Bedeckung sein soll. Hilft nur leider nicht. Es kann aber auch Begegnungen wie neulich im Bus geben, wo ein alter Mann mich wüst beschimpfte, weil ich ihm beim Aussteigen zu nahe gekommen sei – ich war im selben Abstand zu ihm wie den anderen Aussteigenden. Und nachdem er zur Bekräftigung der Notwendigkeit des Abstandes zu ihm noch laut und riechend einen fahren ließ, war ich froh, dass er das nicht gemacht hatte, als ich hinter ihm saß.
  4. Das Recht auf Bildung und die Schulpflicht sind wichtige Elemente einer Gesellschaft, in der alle Kinder die Möglichkeit haben, sich bestmöglich zu entwickeln. Nach einer Zeit mit Homeschooling und fehlender Kinderbetreuung wird sich leider zeigen, wie sehr das gerade die Kinder in ihrer Entwicklung zurückgeworfen hat, die Zuhause nicht die erforderliche Unterstützung haben. Es besteht die Gefahr, dass sich die schon bestehenden Seggregationen weiter vergrößern.
  5. Menschliche Kommunkation ist mehr als das was man zunächst hört oder sieht. Telefonkonferenzen genauso wie Videokonferenzen sind gerade in diesen Zeiten ein zentrales Arbeitsinstrument. Aber sie sind auch extrem anstrengend. Arbeitsschutz ist deshalb mehr als Hygieneregeln oder andere physische, wichtige und erforderliche Schutzmaßnahmen.
  6. Während sich die einen darin überbieten (wollen), was endlich auch „gelockert“ werden muss, haben die anderen Angst, das alles zu schnell gelockert wird und die zweite Welle mit viel größerer „Wucht“ und vor allem viel mehr Tote, besonders aus den vulnerablen Gruppen, fordert. Leider wissen wir erst in ein oder zwei Jahren, welche Strategie die bessere war.
  7. Es braucht – gerade und auch – in diesen Zeiten schöne Dinge. Zum Beispiel Zeit zum Binge-Watchen von Serien oder Ausschlafen. Und das nennt man dann Urlaub, der auch wieder viel zu schnell vorbei ist.

#CoronaZeiten #9

Neun Wochen #CoronaZeiten und noch einiges vor uns

  1. Es gibt nach zwei Monaten in diesen so anderen Zeiten langsam etwas wie eine andere Normalität. Sie basiert immer noch auf den veränderten Zeiten und den neuen Anforderungen. Die Worterkennung kann Hygieneregeln ohne weiteres ergänzen und die andere Form des Miteinanders fühlt sich normaler an.
  2. Die Frage, wer das bezahlt und wem es nutzt, rückt langsam stärker ins Bewusstsein – zahlen die vielen oder tragen die wenigen mit richtig viel Vermögen auch richtig bei. Wird Steuervermeidung mit Steuermitteln aus den diversen Rettungsschirmen belohnt und ist das scheue Reh Kapital so wichtig, dass Dividenden gezahlt werden oder stärkt man die Binnennachfrage durch Massnahmen für die mit weniger oder normalen Einkommen?
  3. Hat all das Arbeiten für die Gleichberechtigung und den Feminismus einen übergroßen Rückschlag erlitten, haben die Frauen, die überproportional all das wuppen, was gerade mit „home-“ beginnt, überhaupt noch Energie, um für das zu kämpfen, was gerade so schmerzlich fehlt: Kinderbetreuung, gleiche Verantwortung für die Care-Arbeit, gleiche Chancen, mit vergleichbarer Qualifikation eine sichere und gut bezahlte Stelle zu bekommen und Karriere zu machen, Schutz vor sexueller Gewalt und Übergriffen, ….
  4. Die einen feiern ihren Friseurtermin, die anderen ihre Reservierung im Lieblingsrestaurant. Egal, wenn es unter Hygieneregeln etwas anders ist, es hat gefehlt und gibt wieder Lebensqualität. Ganz zu schweigen davon, dass man wieder in vorsichtigen Kontakt zu Menschen „aus einem anderen Haushalt“ treten kann und auch dieser Teil des Lebens echte Lebensqualität bringt.
  5. Die, die sich gerne Posterboymässig inszenieren, und so tun, als ob sie alles wüssten, sind so in die Inszenierung verliebt, dass die Regeln für alle offenbar nicht für sie gelten. Mögen sich die Wähler*innen zu gegebener Zeit daran erinnern, dass z.B. Christian Lindner oder Sebastian Kurz finden, dass Regeln oder Gesetze nicht für sie gelten.
  6. Urlaub in diesen Zeiten ist etwas anderes als sonst. Aber solange man das tun kann, was zur eigenen Erholung beiträgt, kann es auch auf Balkonien sein. Und weil man im Homeoffice – zumindest ich – noch weniger Zeit für die eigene Carearbeit hat, ist es auch schön, das ohne Telko-Tagestaktung mit begleitendem Mail-Tasking zu tun. Und man auch Zeit zum Lesen, Schlafen und Kochen hat.
  7. Prekäre Arbeit ist wie vor Corona, nur krasser. Wer wenig Platz zum Wohnen hat, mit vielen anderen auf engem Raum lebt, miese Arbeitsbedingungen und wenig Geld hat, ist ungleich stärker von den Folgen von Corona betroffen. Und deshalb brauchen wir eine neue Arbeits- und Sozialpolitik.
Weiterlesen #CoronaZeiten #9

#CoronaZeiten #8

Acht Wochen #CoronaZeiten, noch einiges vor uns

  1. Virtuelles Erinnern braucht reale Ansatzpunkte, um individuell wirksam zu werden. In der Woche mit VE-Day, dem Tag der Befreiung und dem Mauthausen-Gedenken frage ich mich, wie Menschen, die solche Veranstaltungen noch nie selbst erlebt haben, davon berührt werden. Und wenn ich mir das Anwachsen von Demos von Verschwörungstheoretikern anschaue, mit einen Gemisch von B-Promis wie rabiaten Vegan-Köchen, DJs zusammen mit Politikern aus dem rechtskonservativen und rechtsextremen Spektrum, dann ist das offensichtliche Fehlen von nachhaltiger politischer Bildung besonders traurig.
  2. Die Lockerungsübungen verbunden mit dem Stress, den die Folgen des Lockdown zunehmend machen, führen dazu, dass die Präsenzfreunde offenbar finden, mehr Anwesenheit, sei es im Büro oder bei Sitzungen, wäre vonnöten, um „richtige“ Ergebnisse zu erzielen. Ein neues Heldentum, das auf Risikogruppen keine Rücksicht mehr nimmt. Dabei sind immer noch andere Fragen offenbar wichtiger als Kommunikation, Arbeitsschutz und psychische Gesundheit, wenn Datenschutzbeauftragte Videokonferenzen als nachrangig zu Telefonkonferenzen betrachten und den Menschen lieber die Anstrengungen des konzentrierten Zuhörens und des Fehlens weiterer Informationen aus Mimik und dem Anschauen des anderen Menschen zumuten. Da sind Videokonferenzen kein einfach zugängliches Tool, um die verschiedenen Arbeitsorte der Menschen besser miteinander zu verbinden und IT-Sicherheit so kompliziert, dass sie eben eher umgangen wird.
  3. Wovon man wenig hört, ist das Anbahnen neuer Liebe in Zeiten von Kontaktbeschränkungen. Wie lernen Singles, die jemand suchen, eigentlich jemand kennen – und wie kann eine neue Liebe in diesen Zeiten erblühen. Vielleicht auch ein Grund, warum in einer Stadt wie Berlin mit so vielen Ein-Personen-Haushalten die neue Kontaktbeschränkungen, das man auch mit Personen eines anderen Haushalts zusammenkommen darf, wichtig ist.
  4. Die textile Mund-Nasen-Bedeckung scheint für einige ein zu tiefer Eingriff in ihre persönliche Freiheit zu sein. Obwohl die Yellow Press gerade mit vielen Bildern – viel gibt es ja auch derzeit nicht zu berichten – zeigt, dass dieses vermutlich das Accessoire des Jahres 2020 sein wird, mit dem mit so viel Individualität ausdrücken kann. Und wenn es dann noch alle schaffen, damit zum Beispiel im Bus auch tatsächlich Mund UND Nase zu bedecken, dann wäre es toll. Es gibt auch die Variante, nur den Mund zu bedecken. Gleichzeitig führt die Community-Maske dazu, dass weniger Leute im Bus telefonieren, was angesichts der Gespräche anderer, die man nicht verfolgen will, eher ein echter Kollateralnutzen ist.
  5. Die neuen Corona-Hotspots sind Fleischfabriken und Schlachthöfe. Wer sich ein wenig mit dem Thema „prekäre Arbeitsbedingungen“ beschäftigt, kommt sehr schnell dazu, dass die Beschäftigten, die für billige Lebensmittel sorgen, sei es als Erntehelfer oder in der Fleischindustrie, das bezahlen – hier ist immer schon große Kreativität der Arbeitgeber zu finden, die Beschäftigten auszubeuten und möglichst wenig für sie zu bezahlen. Deshalb ist das vor allem für Arbeitskräfte eine Alternative, die sonst keine Alternative haben und in ihrer Heimat noch weit weniger Geld verdienen. Aber während die Situation von Tieren in der Massentierhaltung immer wieder mit Filmen und Aktionen thematisiert wird, sind die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich selten Thema. Das ist übrigens auch in anderen EU-Ländern nicht besser – deshalb ist es oft moderne Sklaverei, damit hier billige Tomaten oder Nackensteaks im Supermarkt liegen.
  6. Ein Jahr, das so viele schöne Erlebnisse, Reisen und Konzerte, haben sollte, wird abgewickelt: In Spenden statt Erstattung der Karten für ein Wochenende in Dessau beim Kurt-Weill-Fest, in eine Rückerstattung einer Anzahlung für eine tolle Reise im Juli, in neue Konzerttermine ab Dezember 2020 und auch Rückerstattungen von nicht mit neuen Terminen organisierbaren Konzerten. Es bleibt die Hoffnung, irgendwann wieder etwas Vergleichbares tun zu können und bis dahin, in Erinnerungen zu schwelgen und sich zu freuen, dass man vieles schon länger auch einfach gemacht hat, anstatt es auf ein „Später, wenn..“ verschoben zu haben.
  7. Blumen bleiben wichtig für das Wohlbefinden. Auf der Fensterbank, die mit weiteren Orchideen bestückt ist, in der Vase, damit man bei den Telefonkonferenzen auf schöne Blumen blickt und auf dem Balkon, der ein wunderbarer Kraftort ist, wenn es wärmer ist.

#CoronaZeiten #7

Sieben Wochen #CoronaZeiten und noch einiges vor uns

  1. Mein liebstes Wortfundstück ist #Snutenpulli. Man könnte natürlich auch Maullappen oder Nasenverhüterli sagen. Auf jeden Fall ist die Tatsache ob, wie und wann jemand eine im ÖPNV oder im Einzelhandel geforderte „textile Mund-Nasen-Bedeckung“ trägt, interessant. Da gibt es die, die die Einmal-Maske übers Kinn ziehen und Mund-Nasen-Frei im vollen Bus sitzen. Es gibt auch die Variante Maske als Haar-Bedeckung, gerne mit einer Handwerker-Arbeitsmaske erprobt. Diese beiden Varianten scheinen aufgrund der überproportionalen Sichtungen mit einem Defekt des Y-Chromosomen verbunden zu sein. Ansonsten findet man noch gerne die eher bei Frauen sichtbare Variante der freien Nase. Bei allen diesen „Regelverweiger*innen“ wird auch gerne die Facebook-Expertise, warum das eh nicht hilft, angeführt. Wenn aber in einem Geschäft jemand mit einer Wachschutz-Uniform steht, folgt man natürlich, um bei nächstbester Gelegenheit das Teil wieder abzulegen. Was für ein Verständnis von Eigenverantwortung und Schutz der anderen.
  2. Vier-Tage-Wochen sind in diesen anstrengenden Zeiten, zumal wenn sie nicht nur mit viel Erwebsarbeit, sondern aufgrund persönlicher Umstände mit doppelter Sorgearbeit verbunden sind, super. Da ist neben all der Arbeit sogar noch etwas Erholung drin. Ich habe zum Beispiel zwei Bücher ausgelesen und finde das großartig, weil ich in den letzten Wochen nicht mal dazu gekommen bin.
  3. Die am wenigsten sichtbaren und oft unterschätzten Corona-Held*innen sind für mich die Müllleute. Die Mengen an Papier, Glas und Restmüll sind in meiner Wohnanlage so reichlich, dass es sinnvoll ist, sehr bald nach ihrem Besuch seinen Anteil für den nächsten Besuch runter zu bringen bevor die Tonnen wieder zu voll sind.
  4. Statt Urlaubs- und Kulturfreude ist viel Zeit nötig, um die abgesagten Termine mit Erstattung und Neuterminierung zu verfolgen. Und man freut sich, wenn ein Veranstalter natürlich eine Erstattung, aber auch eine Spende mit Bescheinigung anbietet, die binnen weniger Wochen auch mit einem wunderbaren Danke-Brief ankommt.
  5. Die Diskussion über Lockerungen, Anpassungsstrategien und die damit verbundene Diskussion zeigt tiefe Spaltungen in unserer Gesellschaft auf. Und während einige meinen, mit Demogaffen ihr Recht auf Freiheit in Anspruch nehmen zu müssen, werden andere, die zur Vernunft mahnen, beschimpft.
  6. „Money makes the World go around“ – deshalb meinen vermutlich einige, dass eine Diskussion über Orte für Kinder ausserhalb ihrer häuslichen Umgebung nur in Gesellschaft ihrer Kernfamilie sei „Micky-Maus-Politik“, während sie selbst eine nur von Fernsehgeldern (und deutlich zu hohen Einkommen einiger Fussball-Profis) getriebene Debatte um Geisterspiele in der Fussball-Bundesliga führen, die ähnlich überzeugend ist wie Ausführungen einer Auto-Lobbyistin, die erklärt, warum Dividendenzahlungen und Manager-Boni gezahlt werden sollten, während man gleichzeitig nach Staatshilfen aus Steuermitteln ruft. Dafür soll es aber natürlich kein Mitspracherecht des Staates geben. Aber natürlich braucht es eine Debatte über Verteilungsgerechtigkeit und mehr als Klatschen für die Systemerhalter*innen. Obwohl deren Einkommen gute Gründe für staatlich geregelten armutsfesten Mindestlohn und Grundrente sind.
  7. Es braucht in diesen Zeiten Schönes. Blumen, gute Nachrichten und das, was einer selbst gut tut. Denn man sollte das Leben so genießen wie es ist.

#CoronaZeiten #6

Sechs Wochen #CoronaZeiten, noch einiges vor uns

  1. Der Stellenwert von Fachwissen, das Einordnen von Fakten und die Verbindung mit politischen Handlungen wird zunehmend komplexer. Während die Operation #FlattenTheCurve zunächst mit viel Disziplin der allermeisten gelungen scheint, wächst mit zunehmender Dauer dieser Situation die Zahl derer, die nach Lesen von zwei, drei Posts und dem Ansehen eines YouTube-Videos genau wissen, was man tun muss. Das „Bundestrainer-Phänomen“ scheint sich mangels Fussballspielen auf Corona-Bewältigungsstrategien verlagert zu haben. Gleichzeitig wird im Kreis der Ministerpräsidenten offenbar ein Kandidatenwettkanpf ausgefochten, der mich ratlos zurücklässt. Und wütend macht, wenn Ministerpräsidenten Lockerungsmassnahmen mit Expertenrat von Wahlkampfspendern verkünden oder eine PR-Agentur Wissenschaftskommunikation mit Storyboard nach politischen Zielen für eine Studie betreibt.
  2. Das Schwierigere nach einer Phase von Restriktionen scheinen die Lockerungen zu sein – beziehungsweise nach einem harten Stop ein vorsichtiges „Wiederanfahren“. Der Glaube, dass die Wochen des aktuellen Lockdown ausreichen würden, um die Pandemie vollständig zu bekämpfen wird verbunden mit einer Debatte, in der das Ziel „Leben retten“ hinter das Ziel „mein Leben retten“ zurückzutreten scheint. Jüngere scheinen zu meinen, nur Ältere würden sterben und die Zeit der Rücksichtnahme ist vorbei. Die Spaltungen der Gesellschaft, die Trennung in wichtig und unwichtig, die Wertigkeiten verändern sich.
  3. Männer scheinen unbesiegbar. Deshalb können sie zum Beispiel auf Mund-Nasen-Schutz im ÖPNV verzichten und machen es bestenfalls, wenn Strafe droht. Es wird Eigenverantwortung gefordert, aber das eigene Tun erst verändert, wenn es strafbewehrt ist. Wenn die Folgen dieser Haltung nur von denen zu tragen wäre, die ihre Freiheit fordern, wäre es zwar tragisch – so wie Boris Johnson seine Sorglosigkeit mit einem schweren Verlauf von Covid-19 samt Aufenthalt auf der Intensivstation „büßen“ musste – aber abgesehen von den Kosten für alle, die das finanzieren und den Risiken, die die im Gesundheitssystem Tätigen dafür tragen müssen, schadet es eben Anderen, die deshalb ein mitunter (in dieser Form) unnötiges erhebliches Risiko tragen müssen.
  4. Wenn man in einem durchgetaktetem Leben Urlaube und Kulturveranstaltungen längerfristig plant, ist es schade, wenn plötzlich alles anders ist. Wenn schon die zweite Reise, die im letzten Jahr geplant und gebucht wurde, die Vorfreude in Arbeit übergeht, sich um die finanzielle Re-Abwicklung zu kümmern. Wenn Konzerte, auf die man sich Ende April gefreut hat, plötzlich mit neuen Daten im Dezember auftauchen und man vor allem damit zu tun hat, den Überblick zu behalten.
  5. Wenn man gerne liest, aber mit all der Arbeit zu erschöpft ist, das gerade erreichte persönliche „Lesetempo“ für ein Buch, das auch ein Indikator des persönlichen Stresslevels ist, zu halten, freut man sich auch, wenn man überhaupt wieder zum Lesen kommt und sich in ein wunderbares Buch vertieft und sogar ausliest. Mit diesem schönen Gefühl, etwas geschenkt bekommen zu haben, was eine in der kommenden Zeit als Gedanken begleitet.
  6. Wenn man einen Balkon, eine Terasse oder einen Garten hat, dann hat man einen wichtigen Kraftquell. Ein wenig in der Erde herumwühlen und einfach nur inmitten des eigenen Grüns zu sitzen, ist so wunderbar.
  7. Es ist wichtig, mit sich und seinem Leben, seinen Lieben und seiner Wohnung im Reinen zu sein. Und trotzdem fehlt zunehmend der Abend mit einem lieben Freund mit einem guten Essen im Restaurant und gutem Gespräch genauso wie der Ausflug mit der lieben Freundin oder der Bummel durch die Innenstadt. Bei allem Digitalem – Reales ist auch wichtig.

#CoronaZeiten #5

Fünf Wochen #CoronaZeiten, noch einiges vor uns.

  1. Es kommt langsam etwas Routine in die veränderten Abläufe des Alltags. Der Wechsel zwischen Homeoffice und Büro, die Tages- und Wochenstruktur, das spielt sich langsam ein. Aber gleichzeitig wird auch deutlich, was in dieser Arbeitsanordnung besonders fehlt: Das „Mal eben kurz“-Gespräch auf dem Flur, die kurze direkte Nachfrage, das miteinander am Besprechungstisch etwas diskutieren, das Gespräch in der Kantine oder der „U-Bahn-Pitch“, das ist alles anders und es braucht ein anderes Herangehen, um die vielen informellen, so wichtigen, Gespräche, zu führen.
  2. Eine Diskussion um Lockerungen, die wichtig sind, führt offenbar bei vielen zu neuer Sorglosigkeit und Rücksichtslosigkeit. Da sprechen Kanzlerin und alle Ministerpräsidentinnen eine „dringende Empfehlung“ aus, im ÖPNV und beim Einkaufen eine Alltagsmaske zu benutzen, aber es tut kaum jemand. Man redet über Lockerungen bei den Kontaktbeschränkungen in Wirtschaft und Öffentlichkeit, und schon trifft man auf fröhliche Ansammlungen auf dem Gehweg vorm Dönerstand oder dem improvisierten Strassenausschank der Kneipe um die Ecke. Gleichzeitig gibt ein fröhliches Vernadern von (vermeintlichen) Regelbrecherinnen und der Feiertag der Maria Denunziata aus der Tante Jolesch wird von einigen exzessiv gefeiert. Gibt es so wenig Selbstverantwortung, gibt es wirklich den Bedarf, nur dann etwas zur Bekämpfung der Pandemie zu tun, wenn es strafbewehrt staatlich verordnet wird?
  3. Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, wer mit welchen Werten und welchem Verantwortungsgefühl, mit welcher Demokratiefestigkeit schwierige Abwägungen und Entscheidungen trifft. Und auch hier wird immer deutlicher, wer nur PR macht und wer staatspolitische Verantwortung erkennt und annimmt.
  4. Wir befinden uns gerade in einem gewaltigen Feldversuch, in dem wir selbst die Versuchspersonen sind. Wir werden in einigen Jahren wissen, welche Strategien und politische Entscheidungen zur Pandemiebekämpfung richtig und wichtig waren. Bis dahin können wir nur hoffen, dass wir in einem schnell lernenden Umfeld leben, das sich am besten an die sich noch unbekannten Bedingungen anpasst.
  5. Soziale Ungleichheit verstärkt sich in diesen Zeiten. Und die Bedeutung von Wohnen wird immer deutlicher. Genug Platz für jeden, ein eigener Garten oder zumindest ein Balkon sind schon immer ein wichtiger Punkt für das „Wohnwohlbefinden“, aber das haben viele nicht. Und der Satz von Heinrich Zille „Mit Wohnungen kann man Menschen erschlagen.“ gilt leider für einige immer noch. Aber auch Homeschooling ohne eigene IT und ausreichend Datenvolumen verstärkt bestehende soziale Ungleichheiten.
  6. In diesen Zeiten verstärken sich alte Rollenbilder und -wahrnehmungen. Wenn ein kurzer Tweet mit der Frage „Was trägt der Vater der Kinder der Frau von Alexander Kekule“ in der Twitterwelt breit rezipiert wird, dann verstehen offenbar viele nicht, dass einer Frau Prof. Kekule vermutlich viele empfohlen hätten, doch einfach Homeoffice und Kinderbetreuung miteinander zu verbinden, aber einem Herrn Prof. Kekule das als „führendem Virologen“ gar nicht zugemutet werden darf. Was vielleicht auch erklärt, warum wir so wenig führende Virologinnen haben, die wir in den Medien hören und sehen.
  7. Blumen, Bücher und sonst das Eine oder Andere sind wunderbare Zeichen von Freund*innenschaft und Zuneigung. Und gerade in Zeiten wie diesen tut es gut zu wissen, dass da immer noch liebe Menschen sind, die sich genauso wie man selbst auf ein reales Wiedersehen freut.

#CoronaZeiten #4

Vier Wochen Corona-Zeiten, einiges noch vor uns.

Meine Erkenntnisse der Woche:

  1. Freund*innen und Familie sind so wichtig in diesen Zeiten. Und es braucht Denken aneinander und Zeit miteinander. Das geht aber auch mit Einhaltung der Abstandsregeln. Es erfordert vor allem Zeit für ein Telefonat. Eine Postkarte, ein Brief, gar ein kleines Päckchen oder auch ein Blumenstrauß sind so wunderbare Zeichen von der Liebe, die wir einfach brauchen und ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Und das begleitet uns in guten wie in schlechten Zeiten und stärkt uns.
  2. Früher habe ich mich immer gewundert, wenn Frauen so wenig eigenständig sichtbar waren, dass sie selbst als Witwen immer noch im Telefonbuch nur unter dem Namen des verstorbenen Gatten zu finden waren. Aber es gibt (leider) auch eine ganz moderne Ausprägung: Ehefrauen, die keine eigene Mailadresse haben, und unter der ihres Gatten kommunizieren.
  3. Frauen sind eh in diesen Zeiten noch weniger sichtbar als sonst. Die wissenschaftlichen Gremien wie die Leopoldina sind Orte, wo Frauen kaum vertreten sind. Und die Virologen scheinen nur Männer an die Spitze zu bringen.
  4. Aber auch im öffentlichen Raum sind kaum Frauen zu sehen. Wenn ich statt im Homeoffice im Büro bin und von dort mit dem ÖPNV nach Hause fahre, bin ich oft die einzige Frau, die unterwegs ist. Aber mir kommen öfter Gruppen junger Männer entgegen und ich bin froh, dass ich keine Angst habe, mich alleine im öffentlichen Raum zu bewegen.
  5. Tagesstruktur ist in diesen Zeiten genauso wichtig wie Wochenstruktur. In den Zeiten von Ostern erprobt man die 4-Tage-Woche und stellt fest, wie gut es unter den aktuellen Belastungen tut, einfach auch Zeit zu haben, die nicht für Arbeiten oder Sorgearbeit gebunden ist. Zum Beispiel Zeit fürs Nichtstun oder das Lesen. Ich komme in den letzten Wochen kaum noch zum Lesen. Das ist bei mir ein Zeichen, dass ich einfach zu viel zu tun habe. Aber Ostern bin ich endlich wieder in dem wunderschönen Roman weitergekommen, den ich vor Beginn dieser wilden Zeiten begonnen habe. Und Zeit, Balkonien aufzuhübschen, gab es auch. Endlich mehr als Arbeiten, erschöpftes Schlafen und Sorgearbeit für andere.
  6. Es tut gut, aufzuräumen und wegzuwerfen genauso wie zu kochen oder backen. Es ist schön, wenn man Dinge in andere, gute Hände gehen kann oder ein gutes Essen genießen kann. Aber wenn z.B. überfüllte Mülltonnen oder fehlende Dinge im Supermarkt ein begrenzender Faktor sind, stellt man fest, wie wichtig die „Systemerhalterinnen“ sind. Die Kolleginnen im Supermarkt, in der Nahrungsmittelindustrie, bei der Müllabfuhr, im ÖPNV, in den Verwaltungen oder im Gesundheitswesen brauchen neben verbaler Anerkennung und Wertschätzung aber in Zukunft statt warmer Worte vor allem mehr Geld für ihre Arbeit. Und da kommen wir an grundlegende Fragen, welche Arbeit wieviel Wert ist und wie sich das am Konto auswirkt.
  7. Einige in Europa fliegen lieber – schlecht bezahlte – 24-Pflegen oder Erntehelfer ein, als Menschen in humanitären Notsituationen. Der oder die Einzelne kann dagegen nur einen kleinen Teil, zum Beispiel mit der Stimme bei den nächsten Wahlen, bewegen. Aber wir können auch mit dem uns zur Verfügung stehenden Geld unsere Position deutlich machen. Ich habe meine Entscheidung für mich getroffen: ich investiere gerne Geld in den Erhalt bzw. die Rettung von Kiezkneipen oder Buchläden. Ich kaufe mehr Blumensträuße als sonst und bestelle auch Orchideen, die sonst auf dem Kompost landen würden. Aber Spargel gibt es dieses Jahr nicht.