#CoronaZeiten #8

Acht Wochen #CoronaZeiten, noch einiges vor uns

  1. Virtuelles Erinnern braucht reale Ansatzpunkte, um individuell wirksam zu werden. In der Woche mit VE-Day, dem Tag der Befreiung und dem Mauthausen-Gedenken frage ich mich, wie Menschen, die solche Veranstaltungen noch nie selbst erlebt haben, davon berührt werden. Und wenn ich mir das Anwachsen von Demos von Verschwörungstheoretikern anschaue, mit einen Gemisch von B-Promis wie rabiaten Vegan-Köchen, DJs zusammen mit Politikern aus dem rechtskonservativen und rechtsextremen Spektrum, dann ist das offensichtliche Fehlen von nachhaltiger politischer Bildung besonders traurig.
  2. Die Lockerungsübungen verbunden mit dem Stress, den die Folgen des Lockdown zunehmend machen, führen dazu, dass die Präsenzfreunde offenbar finden, mehr Anwesenheit, sei es im Büro oder bei Sitzungen, wäre vonnöten, um „richtige“ Ergebnisse zu erzielen. Ein neues Heldentum, das auf Risikogruppen keine Rücksicht mehr nimmt. Dabei sind immer noch andere Fragen offenbar wichtiger als Kommunikation, Arbeitsschutz und psychische Gesundheit, wenn Datenschutzbeauftragte Videokonferenzen als nachrangig zu Telefonkonferenzen betrachten und den Menschen lieber die Anstrengungen des konzentrierten Zuhörens und des Fehlens weiterer Informationen aus Mimik und dem Anschauen des anderen Menschen zumuten. Da sind Videokonferenzen kein einfach zugängliches Tool, um die verschiedenen Arbeitsorte der Menschen besser miteinander zu verbinden und IT-Sicherheit so kompliziert, dass sie eben eher umgangen wird.
  3. Wovon man wenig hört, ist das Anbahnen neuer Liebe in Zeiten von Kontaktbeschränkungen. Wie lernen Singles, die jemand suchen, eigentlich jemand kennen – und wie kann eine neue Liebe in diesen Zeiten erblühen. Vielleicht auch ein Grund, warum in einer Stadt wie Berlin mit so vielen Ein-Personen-Haushalten die neue Kontaktbeschränkungen, das man auch mit Personen eines anderen Haushalts zusammenkommen darf, wichtig ist.
  4. Die textile Mund-Nasen-Bedeckung scheint für einige ein zu tiefer Eingriff in ihre persönliche Freiheit zu sein. Obwohl die Yellow Press gerade mit vielen Bildern – viel gibt es ja auch derzeit nicht zu berichten – zeigt, dass dieses vermutlich das Accessoire des Jahres 2020 sein wird, mit dem mit so viel Individualität ausdrücken kann. Und wenn es dann noch alle schaffen, damit zum Beispiel im Bus auch tatsächlich Mund UND Nase zu bedecken, dann wäre es toll. Es gibt auch die Variante, nur den Mund zu bedecken. Gleichzeitig führt die Community-Maske dazu, dass weniger Leute im Bus telefonieren, was angesichts der Gespräche anderer, die man nicht verfolgen will, eher ein echter Kollateralnutzen ist.
  5. Die neuen Corona-Hotspots sind Fleischfabriken und Schlachthöfe. Wer sich ein wenig mit dem Thema „prekäre Arbeitsbedingungen“ beschäftigt, kommt sehr schnell dazu, dass die Beschäftigten, die für billige Lebensmittel sorgen, sei es als Erntehelfer oder in der Fleischindustrie, das bezahlen – hier ist immer schon große Kreativität der Arbeitgeber zu finden, die Beschäftigten auszubeuten und möglichst wenig für sie zu bezahlen. Deshalb ist das vor allem für Arbeitskräfte eine Alternative, die sonst keine Alternative haben und in ihrer Heimat noch weit weniger Geld verdienen. Aber während die Situation von Tieren in der Massentierhaltung immer wieder mit Filmen und Aktionen thematisiert wird, sind die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich selten Thema. Das ist übrigens auch in anderen EU-Ländern nicht besser – deshalb ist es oft moderne Sklaverei, damit hier billige Tomaten oder Nackensteaks im Supermarkt liegen.
  6. Ein Jahr, das so viele schöne Erlebnisse, Reisen und Konzerte, haben sollte, wird abgewickelt: In Spenden statt Erstattung der Karten für ein Wochenende in Dessau beim Kurt-Weill-Fest, in eine Rückerstattung einer Anzahlung für eine tolle Reise im Juli, in neue Konzerttermine ab Dezember 2020 und auch Rückerstattungen von nicht mit neuen Terminen organisierbaren Konzerten. Es bleibt die Hoffnung, irgendwann wieder etwas Vergleichbares tun zu können und bis dahin, in Erinnerungen zu schwelgen und sich zu freuen, dass man vieles schon länger auch einfach gemacht hat, anstatt es auf ein „Später, wenn..“ verschoben zu haben.
  7. Blumen bleiben wichtig für das Wohlbefinden. Auf der Fensterbank, die mit weiteren Orchideen bestückt ist, in der Vase, damit man bei den Telefonkonferenzen auf schöne Blumen blickt und auf dem Balkon, der ein wunderbarer Kraftort ist, wenn es wärmer ist.

Veröffentlicht von Margrit Zauner

Europäerin in Berlin mit großer Wienliebe und einer Leidenschaft für Bücher und Arbeit Copyright Foto: ALBBW / M. Bußmann

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