Präsentismus in #CoronaZeiten. Über Lockerungen, Rücksichtslosigkeiten und Kommunikation

Zehn Wochen Homeoffice für die Schreibtischarbeitenden und statt Präsenzsitzungen Telefon- und Videokonferenzen. Flächendeckende Erfahrungen mit mobilem Arbeiten, teilweise deutlich erschwert durch fehlende technische Infrastruktur der Unternehmen und Verwaltungen.

Die Bedeutung von Worten wie Bandbreite oder VPN-Tunnel haben sich plötzlich sehr viel mehr Menschen erschlossen, das Bullshit-Bingo der Telefonkonferenzen können viele spielen. Die Vor- und Nachteile von betrieblichen IT-Strategien mit der Grundsatzentscheidung Bring-your-own-device zuzulassen oder streng aus Gründen der IT-Sicherheit die dienstliche Nutzung privater Endgeräte auszuschließen sind plötzlich keine abstrakten Diskussionen mehr, sondern in ihren Auswirkungen auf die eigene Arbeitsfähigkeit sehr gravierend. Die Frage, wie man deshalb an Kommunikation mit Partnern ausserhalb der eigenen Strukturen teilhaben kann, gewinnt plötzlich eine völlig neue Bedeutung.

Die Systemrelevanz des häuslichen WLAN und die Wichtigkeit der Ergonomie der verwandten mobilen Endgeräte haben viele im Selbstversuch in einer anderen Tiefe erfahren. Die Erweiterung der Führungsaufgaben und -kompetenzen um Kommunikation auf Distanz und in einem System von Telefon- oder Videokonferenzen erfolgt aus dem Leben und im Learning-by-Doing und verunsichert die, an ein regelhaftes System von Schulungen gewöhnt sind, bevor eine neue Version oder ein Tool in der Organisation implementiert wird.

Fragen des Arbeitsschutzes haben in Corona-Zeiten eine neue Bedeutung bekommen. Abstands- und Hygieneregeln umzusetzen ist das eine – die Fragen der physischen Belastungen und ihr Ausgleich sind dagegen kaum im Blick. Was bedeutet es an Belastungen, ganze Arbeitstage in Telefon- und Videokonferenzen zu verbringen, parallel den Mailverkehr abzuarbeiten und sich auf ganz andere Formen der Kommunikation einzustellen?

Aufgrund der regelhaften Beschränkungen und unterschiedlichen Strukturen und Kulturen bildet sich gerade eine neue Dichotomie der Diskussion heraus – zwischen Präsentisten und Digitalen.

Wer der Meinung ist, „richtige“ Arbeitsergebnisse kann man nur erzielen, wenn alle Mitarbeitenden körperlich im Büro wie an einer Werkbank in der Fabrikhalle präsent sind, sieht die Lockerungen und den Übergang zu einem „neuen Normalbetrieb“ freudig als Rückkehr zu einer guten alten Zeit, wie sie vor Corona war. Der erwartet ohne Rücksicht auf Beschäftigte, die zehn Wochen Homeoffice und Homeschooling wuppen mussten, und in vielen Organisationen gebildete neue Arbeits- und Kommunikationsstrukturen Präsenz in Büros, die nicht nur Einzelzimmer sind, keine Wegeregelungen auf den Begegnungsräumen im Flur haben, ignoriert neue Erfordernisse an Sitzungs- und Austauschformate, und erwartet, dass die Vereinbarkeit von Beruf, Wegezeiten und Sorgearbeit in Zukunft so privat ist, dass der Ablauf im Büro davon nicht gestört ist. Der will sich keine Gedanken darüber machen, wie vulnerable Gruppen in eine neue Arbeitskultur integriert werden können. Der besteht auf Präsenzsitzungen und behandelt die, die „dazu geschaltet“ sind wie Warmduscher, die weil körperlich nicht im Raum anwesend, auch nicht respektvoll behandelt werden müssen und kaut fröhlich endlich wieder sein Sitzungsbrötchen und redet am Mikro vorbei. Der unterstellt denen, die im Homeoffice arbeiten, dass sie dort eben nichts gearbeitet hätten und begrüßt sie am nächsten Bürotag mit der Frage, wie denn der Urlaub gestern Zuhause war.

Dabei ist klar, dass eine neue, digitale Arbeitskultur noch viele Herausforderungen zu bewältigen hat. Die Anforderungen an Führungskräfte steigen, denn man muss anders motivieren und kommunizieren, man muss mit Störungen anders umgehen und die Arbeitsergebnisse anders einfordern und bewerten. Die digitale Spaltung, die Unterschiedlichkeit der Mitarbeitenden im Umgang mit IT und Selbstorganisation sind neue Herausforderungen. Kommunikationsprozesse in und ausserhalb der eigenen Strukturen unterliegen anderen Anforderungen, formelle und vor allem die so wichtige informelle Kommunikation müssen anders organisiert werden.

Wir müssen eine neue Balance finden zwischen Formen der Präsenzarbeit und der digitalen Arbeit und Kommunikation. Es könnte eine Chance sein. Es ist aber auch ein Risiko, dass ein Präsenzethos mit Anforderungen an zeitliche und örtliche Verfügbarkeit neue und zusätzliche Exklusionsmechanismen etabliert wird, an deren Ende All-Male-Boards noch normaler werden.

Es geht um Zeit, es geht um die Akzeptanz der Vielfalt von Lebenssituationen, es geht um Zugang und Verfügbarkeit von Unterstützungsstrukturen und es geht um Macht. Und es geht darum, wie die Arbeitswelt und die Gesellschaft in den kommenden Jahren aussehen. Es gibt viel zu tun.

Veröffentlicht von Margrit Zauner

Europäerin in Berlin mit großer Wienliebe und einer Leidenschaft für Bücher und Arbeit Copyright Foto: ALBBW / M. Bußmann

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